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Projektstart: 01.05.2021 Das Oswin-Köhler-Archiv beherbergt den weltweit umfangreichsten und dichtesten Bestand an Zeugnis­sen von Kultur und Sprache der Khwe in Namibia. Die Khwe gehören zu den „San“ oder „Buschleute“ genannten ehemaligen Jäger-Sammler-Bevölkerungsgruppen im südlichen Afrika. Das Spuren lesen als Ursprung von Wissenschaft (Liebenberg 1995), relationale Ontologien (Guenther 2015) sowie das Teilen oder gemeinsame Nutzen von Ressourcen (Widlok 2017) wurden als zentrale kulturelle Errungenschaften von San und anderen Jäger-Sammler-Gemeinschaften identifiziert. Das Projekt wendet bei der Bearbei­tung der Khwe-Bestände im Oswin-Köhler-Archiv diese Herangehensweisen, Prinzipien und Werte in ei­nem innovativen Ansatz an, der sich anschickt, zugleich historisch-kontextualisierend, regional verglei­chend und dekolonisierend zu sein. Aufbauend auf bisherigen Arbeiten soll dies anhand von drei mitein­ander verschränkten Fragenkomplexen und Arbeitspaketen und in Kooperation mit Khwe als dauerhaft von der Dokumentation betroffenen Angehörigen der Herkunftsgemeinschaft geschehen.
Arbeitspaket 1 „Spuren lesen“ sucht die Wirkungskräfte von Hauptprotagonisten und Umständen der Köhler‘schen Dokumentation zu durchleuchten und diskutiert deren Konsequenzen. Hierzu werden die Spuren von Arbeitsroutinen und Denkweisen in den kulturellen Zeugnissen selbst, in archivalischen Sachakten sowie in den Erinnerungen von Zeitzeugen analysiert und gedeutet.
Arbeitspaket 2 „Beziehungen wahrnehmen“ hinterfragt die von Köhler in der Enzyklopädie „Die Welt der Kxoé-Buschleute“ verwendeten Kategorien und Begrifflichkeiten. Es lotet aus, wie Beziehungen zwischen Wesen (Menschen, Ahnen, Tiere, Pflanzen, etc.) im Khwe-Universum wahrgenommen werden, wenn sie aus dem Köhler‘schen Kategorien-Schema herausgelöst werden, und untersucht, wie sie sich in neuere vergleichende Arbeiten zu relationalen Ontologien von San einordnen.
Arbeitspaket 3 „Miteinander teilen“ eruiert, welche (Be-)Deutungen die Archivbestände erfahren, wenn Khwe mit ihnen arbeiten und dazu forschen, welche Rolle die Ergebnisse der gemeinsamen Spurensuche sowie der gemeinsamen Interpretation von Beziehungen aus den Arbeitspaketen 1 und 2 dabei spielen und wie das Archiv langfristig mit und für Khwe umgestaltet werden kann.
Zusammengefasst geht es darum zu erkunden, wie sich historische Kontextualisierung, neuere Forschun­gen zu Ontologien von San im Regionalvergleich sowie Ansätze zur Dekolonialisierung von Sammlungen und Archiven methodisch und theoretisch gegenseitig befruchten und befördern können und wie dadurch Potenzial und Aussagekraft der Sammlung erweitert und bereichert werden.
Links:
https://www.deutschlandfunkkultur.de/gegenstaende-aus-namibia-an-der-uni-frankfurt-das-volk-der.1001.de.html?dram:article_id=469457
https://idw-online.de/de/news724791
http://www.universitaetssammlungen.de/sammlung/1317
Kontakt:
https://www.uni-frankfurt.de/54617674/gertrud_boden